#IchBinSchuld

Jeder von uns trägt die Verantwortung an dieser Krise. Wer jetzt mit der Hand auf andere zeigt,  muss die volle Verantwortung für das Ende der Welt, wie wir sie kennen, übernehmen.

Der Hass, der Influencern jetzt entgegenschlägt, weil Oliver Pocher sich öffentlich gegen sie ausspricht, ist berechtigt – zumindest, wenn er sich auf eine Teilmenge von ihnen bezieht. Denn auch, wenn manche Verantwortung und Werte erkennen, so ist doch auch ein Großteil von ihnen sich genau dieser Verantwortung und Werte nicht bewusst.

Das zeigt sich am sturen Aufrechterhalten von sinnlosen Marketingkampagnen. Hier geht es nicht einfach nur darum, dass wir aktuell andere Probleme, oder keinen Kopf für Produktplatzierungen haben. Es geht hier auch nicht ausschließlich darum, dass einem Sterbenden in Italien, der sich mit seinem letzten, beharrlichen Luftholen ins Leben atmen will, mit einem Lippenpflegestift nicht geholfen sein wird. Zwar wäre schon das Grund genug, anzuhalten, still zu sein, und diese völlig pervertierte, aus den Fugen geratene Marketingmaschinerie endlich zurückzufahren, doch es geht um noch so viel mehr.

Das Coronavirus ist in seiner Ausprägung doch nur ein Symptom – Symptom nicht eines erkrankten Menschen, sondern Symptom einer erkrankten Welt. Einer Welt, die wie die am Coronavirus Erkrankten keine Luft mehr bekommt. Weil wir ihr die Luft zum Atmen nehmen. Zum Teil sogar im wahrsten Sinne des Wortes, wenn wir unsere unverantwortliche, selbstsüchtige, von Gier getriebene Auslöschung und Abrodung des Regenwaldes betrachten. Wir löschen unsere Erde aber auch auf anderen Ebenen aus. Grund und Ursache dafür, für all das, was passiert, ist nicht etwa ein böses, fremdes Virus, das uns alle auslöschen will. Ursache ist, und das ist, was Influencer gerade in dieser wichtigen Zeit der Rückbesinnung aus völlig falschen, fehlgeleiteten Motiven bewerben, unser Konsumverhalten. Ursache für das Sterben dieser Welt und das Sterben von Menschen als ihre logische Folge ist nicht etwa ein Virus. Ursache für dieses Virus sind wir selbst.

Es sind wir, die immer mehr Kleidung um immer weniger Geld kaufen wollen. Es sind wir, die jeden Morgen Avocados und Acaibeeren in unserer Frühstücksschale voraussetzen. Es sind wir, die Polsterbezüge zu einem Spottpreis aus China beziehen wollen, über eine App, die jeder ethischen, moralischen, sozialen, gesellschaftlichen und sogar politischen Verantwortung entbehrt. Und es sind wir, die wir alle ein Smartphone haben, dessen Einzelteile zu unmenschlichsten, zu unsere ganze Art beschämenden Zuständen in Entwicklungsländern produziert werden. Es sind wir.

Wir sind es, die immer mehr und immer mehr und noch mehr wollen. Wachstum um jeden Preis. Es sind wir, die Lagerplätze mieten müssen, um die Objekte unseres unstillbaren, nie erlöschenden, nie endend wollenden Konsumwahns horten zu können. Es sind wir, die jedes Jahr noch mehr Wachstum, noch mehr Expansion wollen. Wir sind es, die die Weltwirtschaft, die längst schon zum Selbstzweck geworden ist, wachsen sehen wollen. Und wir sind es, die sich auf diesem Planeten mit einer selbstsüchtigen, blindwütigen Unverschämtheit ausbreiten und alles nehmen, und schürfen und ausbeuten wollen, was geht. Es sind wir, die vergessen haben, was Menschlichkeit bedeutet – Menschlichkeit auch mit denen, die selbst keine Menschen sind. Und unseretwegen jeden Tag erfahren müssen, was Hölle ist. Wer einmal in eine Massentierhaltungsfabrik, ein einziges Mal in die Augen eines Schweines, das sterben muss und nicht wissen kann, warum, gesehen hat, der weiß, wahrhaftig, was Hölle ist.

Es sind wir. Und nur, NUR, indem wir diese Schuld, die jeder von uns, auch Ich, mittragen, nur, indem wir uns zu unserer Schuld bekennen, können wir auch die volle Verantwortung dafür übernehmen, was jetzt gerade passiert.

Wer jetzt die Hand hebt und auf China zeigt, übersieht die Tatsache, dass, wenn es nicht 2020 in China seinen Anfang genommen, es 2021 in Amerika oder 2022 in Europa angefangen hätte. Es wäre passiert. Weil wir, überall auf der Welt, nur die Maßlosigkeit kennen. Und weder verstehen noch einsehen wollen, welchen Teil jeder Einzelne von uns zu diesem Virus beigetragen hat.

Das ist das letzte Frühwarnsystem unseres Planeten, der uns fassungslos anblickt und sagt: Ich kann nicht mehr. Dieses Mal wird es nur das Coronavirus sein. Aber was ist es nächstes Mal? Ist es nächstes Mal etwas noch Bedrohlicheres, etwas noch Tödlicheres, das uns alle auslöschen wird? Und ist es dann nicht irgendwie auch berechtigt? Wenn wir jetzt nicht begreifen, jetzt nicht einsehen, jetzt nicht endlich auf diese Alarmglocke der Erde hören und aufwachen, wird es etwas anderes sein, das uns zerstört. Und diese schöne Erde endlich von dem, an dem sie seit Jahrzehnten krankt, befreien – von der unstillbaren Gier des Menschen, von der nicht einer von uns ausgenommen ist.

Es sind also nicht nur die Influencer, sondern wir alle, die endlich erkennen müssen, dass sie schuld sind. Wir müssen endlich aufhören uns in dieser ewigen, ermüdenden Opferrolle zu sehen. Niemand von uns ist ein Opfer – jeder von uns ist ein Täter. Und nur, nur, indem wir das anerkennen, indem wir anerkennen, was wir sind und uns selbst zur Anklage bringen, werden wir erkennen, dass wir etwas ändern müssen. Um sich seiner eigenen Handlungsfähigkeit an einem Zustand bewusst zu werden, muss man sich zuerst an seiner eigenen Schuld an ihm bekennen.

Ich fange hier damit an. Ich erkenne an, was ich falsch gemacht habe und was ich nach dieser Zeit der größten Krise, die die Globalisierung jemals zutage gefördert hat, verändern muss. Dass ich diese Zeit der Krise zum Lernen, zum Wachsen an ihr nutzen muss. Ich fange hier damit an und erkenne voller Klarheit und gründlicher Gedankenkraft an: #IchBinSchuld. Ich bekenne mich schuldig.

Und mit dieser Erkenntnis fing der Mensch an, sich zu verändern. Dem Guten zuzuwenden. Und zu versuchen, besser zu werden, als das, was er war.

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