„Wo sich die Bäume küssen“ oder „Warum ich eine Kuh melken will“

Kleiner Tipp für große Taten: „100 Dinge, die man einmal im Leben getan haben sollte.“ Ich habe die Allgemeinliteratur für Alltagshelden einer lebensechten Mut- und Leseprobe unterzogen.

Es ist wichtig, Eindrücke festzuhalten, solange sie noch frisch und neu und unverbraucht sind. Sonst sieht man sie immerzu nur durch den dunstigen Schleier der Erinnerung. Genau aus diesem Grund musste ich all die Lebensportraits, die sich mir auf meiner Fahrt nach Deutschland eingekerbt hatten, auch umgehend festhalten. Und habe mich noch mitten in der Nacht in der stillen Antiquiertheit eines alten Klavierzimmers mit Blick auf den Schwarzwald ans Abtippen gemacht.

Doch zurück auf Anfang. Wovon zur Hölle rede und wo bin ich eigentlich? Angefangen hat alles so wie jedes gute Lebenskapitel: mit einem Buch. Um genau zu sein mit der Recherchearbeit zu einem Buch. Titel: „100 Dinge, die man einmal im Leben getan haben sollte“. „Passt doch wunderbar zum Monatsmotto Mut“, dachte ich mir und befüllte meinen ohnehin schon überprallen Amazon Warenkorb nebst einem Halloween Kostüm, das beim Anprobieren befremdlich an einen besseren Müllsack erinnerte, mit dem Mutmacher im Kleinformat.

Mutproben vom Alltag bis ins Allgäu

Es dauerte nicht lange, da klingelte mich auch schon der Postmann aus dem Bett, erschrak bei meinem Anblick, überreichte mir meine Mutpackung, und machte sich schneller wieder davon als ich „Auf Wiedersehen“ sagen konnte. Es kann nur an seinem straffen Zeitplan gelegen haben. Und das riesige, schwarze Loch, das in meiner Jogginghose klaffte, pikante Blicke preisgab und welches ich erst Stunden später mit Entsetzen im Schlafzimmerspiegel entdecken sollte, hatte sicher auch nichts damit zu tun. Nicht ganz unbefangen und um den Selbstbetrug aufrechtzuhalten, öffnete ich also die Anleitung zum Mutigsein – und fand genau, was ich finden wollte: einen Wegweiser zur Alltagsflucht. Meine Erfahrungen, Eindrücke und Empfehlungen zu dem Reiseführer für Lebensscheue findet ihr hier.

 

literaturblog

 

Done:

„Fahre spontan nach Paris und steige auf den Eiffelturm“ – Gut, es war nicht Paris, sondern Stuttgart, und der Eiffelturm wurde in Ermangelung des Originals kurzerhand durch den Fernsehturm ersetzt, aber letzten Endes ist es doch die Idee, die zählt – und in meinem Fall zählte sie immerhin stolze 633 Kilometer. Weil ich außerdem die seltene Gabe besitze, mich nicht trotz, sondern aufgrund eines Navigationsgerätes zu verfahren, habe ich statt der Route über die Autobahn einfach einen Abenteuerpfad quer durch Deutschland genommen. Doch war ich anfangs noch über die unfreiwilligen Umwege entrüstet, so fand ich mich Stunden später, irgendwo zwischen München und Sindelfingen, ungeduldig dem gefühlt tausendsten Traktor hinterhertuckernd, mit meinem Schicksal ab und begann die Welt um mich durch den Filter meiner Autofenster wahrzunehmen. Plötzlich durchfuhr mich ein aufbrausendes Gefühl der Aufregung, das wie die Blätter am Straßenrand in mir auf- und niederwirbelte. Ich sah endlos, weite Felder, die sich mir in allen Farben der Naturpalette entgegenstuften. Über mir ein Himmelsaquarell, dazwischen, eingepresst wie ein Stern aus einer Van Gogh Nacht, eine weiße Phosphorsonne und vor mir küssten sich über einer Herbstallee die bunt bemalten Bäume.

Ich weiß nicht, wo ich unterwegs war. Und letzten Endes spielt es auch gar keine Rolle. Was ich erlebt habe, war, gleichgültig auf welcher Landkarte es passierte, ein einziger Roadtrip durch die Poesie. Und während ich so die Musik im Auto auf volle Lautstärke anhob, meine Gedanken vertonte und die Herbstwelt durch meine eigene Reflexion in der Fensterscheibe erfasste, erhaschte ich auch einen Blick auf mich selbst. So war ich am Weg ins deutsche Paris auch meiner eigenen Person wieder ein Stück weit mehr auf die Schliche gekommen. Die Empfehlung des Buchs kann ich also nur bekräftigen. Ein spontaner Ausflug alleine zählt definitiv zu den Dingen, die man zumindest einmal im Leben getan haben sollte. Das geografische Ziel dabei ist jedoch egal, denn am Ende der Reise findet man selbst im entlegensten Winkel der Erde doch nur sich selbst.

„Schwimme im Regen Es war weniger Regen als Schnee und jeder noch so vollendete Freistil mutierte unweigerlich zum Eisbrecher. Egal, wenn im Haus ein heißes Vollbad, Schaum in Sektglas und Wanne warten, dann kann so ein nächtliches Nacktschwimmen auch im Winterwasser nicht schaden. Wofür es gut ist? Für alle, die verlernt haben, wie sich echtes Leben anfühlt.

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„Lauf einen Halbmarathon“ – Auch, wenn sich meine Beine nachher anfühlten, als wäre ich nach 24 Stunden Dauerhüpfen vom Trampolin gestiegen, mir das Blut in den Schuhen stand und ich die Socken nachher im Sondermüll für Problemstoffe entsorgen musste, habe ich es tatsächlich getan. Ich bin 21,0975 Kilometer gelaufen, von Reichsbrücke bis Heldenplatz, vom Vollamateur bis zum Vienna City Marathon. Warum? Einfach nur, weil ich mir beweisen wollte, dass ich es kann. Und wenn ich als Antitalent auf zwei Beinen das kann, dann könnt ihr es auch.

Do:

„Bleib einen ganzen Tag lang im Bett liegen“ – Eines der für mich schwierigsten Dinge ist es abzuschalten. Die Mammutaufgabe des süßen Nichtstuns und Müßiggangs liegt also noch vor mir.

„Melke eine Kuh“ – „Ich will eine Kuh melken“, war die letzte Phrase, mit der ich vor dem Aufbruch nach Deutschland für meine Rezension Google befragt habe. Was ich dabei außer wachsendem Zweifel an meinem Verstand gefunden habe? Nichts! Nicht einmal die allwissende Suchmaschine wusste mir auf dieser akuten Suche nach Naturerlebnis pur zu helfen. Ihr habt Tipps oder kennt jemanden, der eine Kuh vermietet? Immer her damit!

buecherblog

 

„Trinke eine Maß auf dem Münchner Oktoberfest“Und auch dieses Jahr habe ich es wieder nicht geschafft, mich unters trinkwütige Volk am Münchner Oktoberfest zu mischen. Die Herausforderung besteht für mich allerdings keinesfalls in der Maß Bier, sondern mehr in den unüberwindbaren Hürden Planung und Organisation. Doch selbst für einen Chaoten wie mich steht dieser Programmpunkt auf der To Do Liste für 2017 schwindelerregend hoch oben.

Don´t :

„Lies einen Klassiker“Wer diesen Hinweis als absoluten Geheimtipp erachtet, für den kommt ohnehin jedes Alphabet zu spät.

„Kaufe etwas, was über deinem Budget liegt“Die Herausforderung bestünde in meinem Fall wohl eher darin, etwas zu kaufen, was in meinem Budget liegt.

„Leide an Liebeskummer“ – Hatte ich schon, muss ich nicht noch einmal haben und kann ich auch nicht unbedingt weiterempfehlen. Für die, die den Weltschmerz suchen, empfehle ich sie dennoch unbedingt, diese Pilgerfahrt durch die Seele.

„Werde unsichtbar“ – Hä?

Fazit: Der Mutkalender entlockte meinem bewegten Leben nicht viel Neues. Für Kleindenker hingegen offenbart die Abenteuersammlung große Geheimnisse. Außerdem lehrte mich gerade der enthaltsame Neuigkeitswert etwas sehr Wichtiges: Ich lebe ein überaus erfülltes Leben. Doch erst durch das Bewusstsein um meine außergewöhnliche Alltagsfülle fühle ich sie auch, und lebe damit nach einer Maxime, die ich am besten mit Rainer Maria Rilkes Worten beschreibe:

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